Echte Engelwurz

Angelica archangelica L.

Schwedisch: Fjällkvanne; Synonyme: björnstut; angelika; strandkvanne, havssträtta (ssp. litoralis) 

Norwegisch: Kvann 

Fnnisch: Väinönputki 

Englisch: Angelica 


Synonyme: Angelica officinalis (Hoffm.) Ahlfv., Archangelica officinalis Hoffm.; Angelica archangelica L. var. litoralis (Fr.) Hyl., A. litoralis Fr., Archangelica litoralis (Fr.) C. Agardh (ssp. litoralis).

Auf Linnés Fußspuren

„Angelica heißt bei den Bewohnern Västerbottens björnstut, allein die Lappländer haben dafür ganz komplizierte Ausdrücke. Im ersten Jahr, da es zu wachsen anfängt, nennen sie die Wurzel urtas, die Blätter aber fatno, im zweiten Jahr aber posko. Ist aber ihr Stengel getrocknet worden, so heißt das rasi, id est Gras.“[1] 

...

„Der Lappe, der mich begleitete, nahm sich sogleich eine [Angelica], schälte ihren Stengel, der noch keine Blüte trug, und aß sie, als wäre es die größte Delikatesse, wie eine Rübe auf. In der Tat, sie schmeckte auch recht gut, besonders der obere Teil, welcher am zartesten ist. Dieser Leckerbissen ist unter den Lappländern sehr begehrt.“… „Ein anderer kam mit einem ganzen Armvoll caudis Angelica, deren flores noch nicht ausgeschlagen hatten. Die Blätter wurden entfernt und ihre tunica mit dem Messer abgeschält, sie ging ab wie Hanf, worauf man den Stengel mit dem größten Vergnügen wie einen Apfel aufaß. Ich bekam auch meinen Teil.“[13] 



Name

Die Echte oder Arznei-Engelwurz (Angelica archangelica) ist eine Art in der Familie der Doldenblütler (Apiaceae).


Der Gattungsname Angelica bedeutet im deutschen Engel und ist lateinischen (angelus) bzw. griechischen (angelos) Ursprungs. Auch der Artname archangelica (Erzengel) hat diese Herkunft. Wie bei vielen botanischen Namen, die sich aus einem lateinischen oder griechischen Begriff ableiten, kannten weder die antiken Griechen noch die alten Römer die Pflanze. Die Engelwurz ist eine nördliche Pflanze, die erst später aus Nordeuropa nach Mitteleuropa gelangte.[2]


Der Legende nach soll ein Engel die heilkräftige Pflanze den Menschen in Zeiten großer Not gesandt haben.[3] 


Volkstümliche Namen der Echten Engelwurz sind Angelik(a), Angölkenwörtel (Altmark), Argelkleinwurz, Brustwurz, Engelwurz, Engelbrustwurz, Engelpfurz, Erzengelwurz(el), Gartenangelik(a), Geistwurzel, Gewöhnliche Arzneiengelwurz, Giftwurz, Giftwürze, Glückenwurzel, Hanjelik'n (Eichsfeld), Gölk, Heiligenbitter, Heilig(en)geistwurzel, Ledpfeifenkraut, Luftwurz, Onegilken (Gotha), Ohnejilke, Jilke (Schlesien), Theriakwurzel, Zahnwurzel.[4] 

Beschreibung

Die Echte Engelwurz ist meist zwei- selten vierjährig und besitzt als Wildpflanze einen dicken, rübenförmigen Wurzelstock. Im zweiten Jahr entwickelt sich daraus ein etwa 5 cm dicker, schwammiger Wurzelstock mit zahlreichen Fasern und einem gelblichweißen Milchsaft. Die Wurzel riecht wie die ganze Pflanze - stark würzig. 


Die ein bis zwei aufrechten Stängel sind schwach gerillt, innen markig-hohl. Bei der Echten Engelwurz sowie der Wald-Engelwurz (A. sylvestris) ist der Stängel unten rund, oben verzweigt und im unteren Teil häufig rotbraun überlaufen.


Die Pflanze wird in den Höhenlagen des schwedischen Fjälls selten höher als 1 m, kann aber sonst bis 3 m hoch werden.


Die meist dreifach, seltener doppelt fiederteiligen, hellgrünen bis gelbgrünen Laubblätter sind am unteren Stängel sehr groß (60 bis 90cm). Die Fiederblättchen sind gezähnt und werden nach oben hin kleiner. Im Gegensatz zum Wald-Engelwurz sind die Endfieder der Echten Engelwurz nicht aus drei getrennten Blättern sondern zusammengewachsen dreilappig.


Sowohl die grünen bis grüngelben Blüten der Echten Engelwurz als auch die fast weißen der Wald-Engelwurz sitzen endständig in großen, halbkugelförmigen Dolden mit 20 bis 40 Doldenstrahlen, die die Dolde nach dem Abblühen wie eine riesige Pusteblume aussehen lassen. Aus den Blüten, die angenehm nach Honig duften, bilden sich später kleine gelbliche Früchte. Die Blüten werden durch Insekten bestäubt.

Blütezeit ist von Juni bis August. Die Pflanze stirbt nach einmaligem Blühen und Fruchten ab. 

Vorkommen

Die Echte Engelwurz ist eine Pflanze der nördlichen Zonen Europas und Asiens. Nach Mitteleuropa wurde die Pflanze etwa im 10. Jahrhundert als Handelsware durch die Wikinger gebracht.[5] Dort wurde sie bald in Klostergärten angepflanzt. In Skandinavien und Mitteleuropa wurde die Echte Engelwurz auch als Arzneipflanze kultiviert (Arznei-Engelwurz).[6] 


Die Echte Engelwurz findet man wild auf nassen und nährstoffreichen Böden, besonders im Fjällgebiet an den Ufern von Bächen, Flüssen und Seen. 

Verwendung in der Pflanzenheilkunde

Eine der wohl frühesten Dokumente zur Nutzung der Engelwurz beschreibt wie der norwegische Wikingerkönig Olav Trygvasson seiner Gattin einen Engelwurzstängel reicht Der Wikingerkönigs lebte um das Jahr 1000.[7] Seit etwa dem 12. Jh. diente die Engelwurz in Schweden als Gemüse- und Heilpflanze. Seit dem 15. Jahrhundert erfreute sich die Engelwurz auch in Mitteleuropa großer Beliebtheit und wurde als das wichtigste aller Heilkräuter eingestuft. Damals wurde die Pflanze sogar gegen Pest und gegen Tollwut verwendet. 


Auch heute noch wird die Engelwurz als Heilpflanze angebaut. In der Pflanzenheilkunde wird sie als Universalheilmittel angesehen, das antibakteriell wirkt, gegen Husten und selbst gegen Schimmelpilze helfen soll.


Hauptsächlich wird Engelwurz heutzutage -auch von der Schulmedizin - vor allem bei Magen-Darm-Beschwerden und Völlegefühl empfohlen.[8] In ländlichen Kreisen, wird die Pflanze auch „Engelpfurz“ genannt, da sie Blähungen lindert. 


Die Bestandteile der Angelikawurzel sind sehr aromatisch, regen die Bildung von Verdauungssäften an und wirken krampflösend und beruhigend. Deshalb sind Wurzelextrakte wichtige Bestandteil von Likören und Magenbittern wie Chartreuse, Cointreau, Bénédictine und Boonekamp. Auch Klosterfrau Melissengeist und Doppel Herz enthalten (neben reichlich Alkohol) Wurzelextrakte der Angelika.


In der Arznei wird hauptsächlich das getrocknete Rhizom der Pflanze (Angelicae radix) genutzt. Außerdem das Kraut (Angelicae herba), die Früchte (Angelicae fructus), die Blätter (Angelicae folium) und das Öl der Samen (Oleum angelicae).[9] Aufbereitet werden die Pflanzenteile als Aufguss, Extrakt, Öl, Pulver oder als Tinktur verwendet. 


Die Erzgebirgische Destillerie und Liqueurmanufaktur GmbH in Bockau im Erzgebirge stellt als einzige in Deutschland einen reinen Angelika-Likör (Aecht Bockauer Angelika Liqueur) her. In Bockau wird die Engelwurz auch großflächig kultiviert.[10] 


Der Engelwurz ist auch Bestandteil des grünen Schneeberger Schnupftabaks, einer erzgebirgischen tabakfreien Kräutermischung zum Schnupfen.[11] 


Heute werden fast ausschließlich Kulturpflanzen für die Verarbeitung genutzt. Beim Sammeln der wilden Pflanze sollte man allerdings vorsichtig sein, denn die Echte Engelwurz kann leicht mit dem stark giftigen Schierling, besonders dem Wasserschierling verwechselt werden. Ein recht deutliches Erkennungsmerkmal des Schierlings sind die eher schmalen, lineal lanzettlich geformten und scharf gesägten Blätter. 

Verwendung in der Küche

Die kandierten Stängel der Engelwurz sind bitter-süß und aromatisch. Sie werden hauptsächlich zum Verzieren von Süßspeisen und feinen Kuchen verwendet. Kandierte Wurzelstücke lassen sich ähnlich wie Orangeat oder Zitronat zum Backen nutzen. Ob das echte und teure „Angelika“ für die Bachware genutzt wurde, erkennt man daran, dass sich der Teig nicht grünlich verfärbt. Angelika färbt nämlich nicht ab.[12]


Die sellerieähnlichen geschälten Stängel (ähnlich den Stängeln vom Rhabarber bzw. Stangensellerie) und Wurzeln können roh verzehrt werden; in den nordischen Ländern kommt Engelwurz auch heute noch als Gemüse auf den Tisch. Wir haben die Stängel der Pflanze wie Rhabarberstängel geschält und als süss-saure Erfrischung gegessen.


Wie die Stängel eignen sich die würzigen jungen Blätter und Sprossen für Salate, Suppen und Gemüsebeilagen. Die ungeöffneten Blütenknospen und die Stängelstücke werden kandiert als Bonbons gelutscht. Die Wurzeln nutzt man als Gewürz. 


Carl von Linné berichtet in seiner Lappländischen Reise, dass die Lappen der Engelwurz große Bedeutung für ihre Gesundheit beimessen und entweder frisch oder eingelegt in Renmilch essen. Sowohl Wurzeln als auch Blätter haben einen hohen Vitamin-C-Gehalt, und stellten früher eine wichtige Nahrungsergänzung dar. 

Textverweise

[1] Vgl. Carl von Linné: Lappländische Reise, S. 165 109, 121,. Gemini Verlag Berlin 2004, © Insel-Verlag Frankfurt am Main 1964. Die Originalausgabe erschien 1737 in Amsterdam unter dem Titel: Flora Lapponica Exhibens Plantas per Lapponiam Crescentes, secundum Systema Sexuale Collectas in Itinere Impensis. Das eingescannte Original ist im Internet zu sehen: [hier] (URL aufgerufen am 19.09.14); 

 

[2] vgl. Gerhard Gensthale: Engelwurz, Wurzel des Heiligen Geistes. In: pta Forum, Arzneipflanzenportrait (URL aufgerufen am 19.09.14); 

 

[3] vgl. u.a. Henriette's Herbal Homepage und apotheken umschau.de - Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG (URL aufgerufen am 19.09.14); 

 

[4] vgl. u.a. Käsekessel - Kräuter und Kühe, Käse und Milch, Gesundheit aus der Natur

 

[5] vgl. u.a. pta Forum, Arzneipflanzenportrait; Gerhard Gensthale: Engelwurz, Wurzel des Heiligen Geistes (URL aufgerufen am 19.09.14);

 

[6] Eine ausführliche Dokumentation zur Kultur der Engelwurz hat die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL), in einer Kulturanleitung veröffentlicht:

Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL), Freising, Vöttinger Straße 38, 85354 Freising (HRSG): Kulturanleitung für Engelwurz. 4. grundlegend überarbeitete Auflage November 2001. Veröffentlicht als PDF [hier], gelesen am 19.09.14. und über den Anbau der Anglikapflanze in Bockau nahe Schwarzenberg im Erzgebirge berichtete der Mitteldeutsche Rundfunk am 10.12.2009 in seiner Sendereihe Hauptsache Gesund. Der Artikel war unter der URL http://www.mdr.de/hauptsache-gesund/letzte-sendungen/6928666-hintergrund-6928644.html, aufgerufen am 05.11.10, zu finden 

 

[7] vgl. dazu: The Sagas of Olaf Tryggvason and of Harald The Tyrant (Harald Haardraade), by Snorri Sturluson. Veröffentlicht im Rahmen von: [The Project Gutenberg als EBook] und „The Battle of Svölder“. Die Verszeilen „In his hand he carried, Angelicas uprooted, With delicious fragrance, Filling all the place.” Abgerufen am 05.11.10 unter [völuspá.org]; mittlerweile nicht mehr im Netz. 

 

[8] vgl.dazu pta Forum, Arzneipflanzenportrait; Gerhard Gensthale: Engelwurz, Wurzel des Heiligen Geistes 

 

[9] vgl. Institut für Pharmazie und Biochemie - Therapeutische Lebenswissenschaften, Johannes Gutenberg-Universität Mainz 

 

[10] über den Anbau der Anglikapflanze in Bockau nahe Schwarzenberg im Erzgebirge berichtete der Mitteldeutsche Rundfunk am 10.12.2009 in seiner Sendereihe Hauptsache Gesund. Der Artikel war unter der URL http://www.mdr.de/hauptsache-gesund/letzte-sendungen/6928666-hintergrund-6928644.html, aufgerufen am 05.11.10, zu finden. 

 

[11] vgl. Adler-Apotheke-Schneeberg; abgerufen am 05.11.10, mittlerweile nicht mehr im Netz. 

 

[12] vgl. bionity.com - Chemie.DE Information Service GmbH

 

[13] Vgl. Carl von Linné: Lappländische Reise, S. 109, 121,. Gemini Verlag Berlin 2004, © Insel-Verlag Frankfurt am Main 1964. Die Originalausgabe erschien 1737 in Amsterdam unter dem Titel: Flora Lapponica Exhibens Plantas per Lapponiam Crescentes, secundum Systema Sexuale Collectas in Itinere Impensis. Das eingescannte Original ist im Internet [hier] zu sehen 

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Aktualisiert am 20. Februar 2015